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Der Studiengang Hörakustik an der FH Lübeck

Jürgen Tchorz, Markus Kallinger
 

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„Blindheit trennt von den Dingen, Taubheit von den Menschen." - Dieses Zitat wird bei uns meistens Immanuel Kant zugesprochen, im angelsächsischen Raum aber eher Helen Keller, einer 1880 geborenen taubblinden US-amerikanischen Schriftstellerin. Diese Bewertung leuchtet schnell ein, denn die unmittelbare Kommunikation zu Mitmenschen beruht viel stärker auf dem Hören als auf dem Sehen: über das Telefon kann viel geklärt werden, aber eine Videokonferenz ohne Ton wäre doch meist unbefriedigend. Schwerhörigkeit beeinträchtigt das Sprachverstehen gerade in akustisch schwierigen Situationen, wie etwa in geselligen Runden, in denen viele Personen gleichzeitig reden. Häufig meiden die Betroffenen solche Situationen, und diese Einschränkung der Teilhabe kann die Lebensqualität erheblich senken. Allein in Deutschland ist ca. 15 % der Bevölkerung von einer Hörstörung betroffen, wobei die Ausprägung von leichter Schwerhörigkeit bis zur Gehörlosigkeit reichen kann.
 
Die Ursachen einer Hörstörung sind vielfältig und reichen von angeborenen Beeinträchtigungen, über Lärm und arterielle Schädigungen bis hin zu Nebenwirkungen von Medikamenten. Eine Schwerhörigkeit kann jeden treffen, wobei sie im Alter deutlich häufiger auftritt. Meistens ist das Innenohr betroffen, in dem mechanische Schallschwingungen in elektrische Impulse umgewandelt werden. Hier existiert bislang keine ursächliche Therapie, aber mit Hörgeräten und Cochlea-Implantaten, die den Hörnerv elektrisch reizen, kann eine deutliche Verbesserung des Sprachverstehens erreicht werden, jedoch keine Wiederherstellung der unbeeinträchtigten Hörfähigkeit. Der Markt für diese Medizinprodukte wächst stetig, sicherlich auch durch die sich ändernde Altersstruktur der Bevölkerung. Im Jahr 2014 wurden allein in Deutschland 1,2 Millionen Hörgeräte verkauft, was einem Umsatz von ca. 1,3 Milliarden Euro entspricht. Ein Großteil des Weltmarktes für Hörgeräte wird von Herstellern bedient, die ihre Hauptsitze in Dänemark, der Schweiz und Deutschland haben. Technische Innovationen spielen für diese Medizinprodukte eine wichtige Rolle, um eine weitere Durchdringung des Marktes zu erreichen: die Mehrheit der Schwerhörigen, die von einem Hörgerät profitieren könnten, hat noch keines. Dies ist auch ein Imageproblem: Hörgeräte werden oft mit ''Altsein" assoziiert, und so möchte man bisweilen noch nicht angesehen werden. Durch fortlaufende Weiterentwicklung soll der Nutzen und damit auch die Akzeptanz von Hörgeräten erhöht werden, die sich mittlerweile zu leistungsfähigen Kleincomputern entwickelt haben: adaptive Richtmikrofone und Störgeräuschunterdrückungen sollen das Sprachverstehen im Lärm verbessern, und drahtlose Verbindungen zum Smartphone ermöglichen komfortables Telefonieren, bei dem der Gesprächspartner in beiden Ohren gehört wird, um nur einige Beispiele zu nennen.
 
Der Studiengang Hörakustik an der FH Lübeck bildet Studierende schwerpunktmäßig für die Hörsystemindustrie, aber auch für andere Teilbereiche der Akustik aus. Gegründet im Jahr 1999 war es das erste Programm dieser Art in Deutschland. Der Studiengang wurde seinerzeit durch eine Kooperation zwischen der Fachhochschule und der Akademie für Hörgeräteakustik ins Leben gerufen. Diese Zusammenarbeit bot sich nicht nur aus räumlichen Gründen an - die Akademie grenzt direkt an den Campus der FH, genauso wie die bundesweit einzige Berufsschule für Hörgeräteakustiker. Daneben kooperiert die FH mit dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck. Insbesondere die Bereiche Phoniatrie, Pädaudiologie und HNO sind dort erstklassig vertreten. Das Deutsche Hörgeräte-Institut, das u.a. die Bauartprüfungen für alle Hörgeräte durchführt, die in Deutschland zugelassen sind, ist ebenfalls nur wenige Schritte entfernt. Dies ist die Anlaufstelle für anspruchsvolle messtechnische Fragen, und Studenten mit besonderem Faible für dieses Gebiet können hier u.a. ihre Abschlussarbeit anfertigen. An der Fachhochschule selber finden sich mit dem Hallraum, dem großen reflexionsarmen Raum (Bild 1) sowie der entsprechenden Messtechnik (Bild 2) hervorragende Bedingungen für das Gebiet der technischen und audiologischen Akustik. Moderne Messboxen (Bild 3) und Software zur Signalverarbeitung erlauben auch Experimente, die über Standardmessungen hinausgehen. Zusammengenommen ist der Standort Lübeck ideal für einen solchen Studiengang, und die Studenten profitieren vom „Akustik-Campus", also der Vielfalt der Institutionen, in die der Studiengang eingebettet ist.

Bild 2. Mehrkanalaufnahmen zur räumlichen Reproduktion von Schallfeldern
Bild 1. Charakterisierung eines Mikrofons im reflektionsarmen Raum
Bild 3. Messung der Spachverständlichkeit im Anpassraum
Bild 4: Testen eines Hörgerätes am Kunstkopf"

Eine Besonderheit sind die Zulassungsvoraussetzungen: neben der Fachhochschulreife ist die Gesellenprüfung zum Hörgeräteakustiker erforderlich. Trotz dieser Voraussetzung, die die Zahl der potentiellen Studienanfänger erheblich einschränkt, steigt die Zahl der Studienbewerber/innen kontinuierlich an. Sie beträgt derzeit ca. 30. In den Fachvorlesungen kann wegen der vorhandenen Berufsausbildung auf ein breites und solides Grundwissen aufgebaut und Inhalte können zügig vertieft werden. Die Studierenden sind in der Regel besonders motiviert: wer sich trotz gefragter Berufsausbildung zu einem Studium entschließt, hat ein klares Ziel vor Augen. Dies erklärt auch die geringe Abbrecherquote, die mit weniger als 15 % für ein naturwissenschaftlich-technisches Studium vergleichsweise niedrig ist.
 
Die erste Studienhälfte ist geprägt von Grundlagenfächern wie Mathematik, Elektrotechnik und Physik. In der zweiten Studienhälfte kommen dann die fachspezifischen Veranstaltungen hinzu. Dazu gehören Anpassverfahren, Hörsystemtechnik, digitale Signalverarbeitung, Matlab, Psychoakustik und Audiologie. Einen großen Raum nimmt dabei das praktische Arbeiten ein. Sei es in Laborversuchen, oder im hörakustischen Semesterprojekt, in dem in Kleingruppen komplexe (und jeweils neue) Fragestellungen selbstständig bearbeitet werden (Bild 4). Diese Projekte werden auch zusammen mit externen Partnern durchgeführt, was neue Kontakte aufbaut und zusätzliche Einblicke gewährt. Ein weiteres Verbindungselement zur Praxis ist das Institut für Akustik, welches Auftragsuntersuchungen mit Hörsystemen, im Bereich der Bau- und Raumakustik sowie akustische Prüfstandmessungen durchführt. Hier haben Studierende die Möglichkeit, fachbezogen als Werksstudent tätig zu sein.
 
Nach Abschluss des Studiums sind die Berufsaussichten gleichbleibend sehr gut. Der Verbleib fast aller Absolventinnen und Absolventen des Studiengangs ist bekannt. Sie wurden nach dem Studium ausnahmslos im akustischen Bereich tätig. Etwa die Hälfte der Absolventen beginnt in der Industrie, also bei Herstellern von Hörgeräten, Cochlea­Implantaten oder audiometrischer Messtechnik. Dies kann entweder in den Hauptsitzen der Firmen sein, zum Beispiel in der Entwicklung, im technischen Marketing oder in den regionalen Vertriebsgesellschaften. In fast allen Hörsystemfirmen findet man ehemalige Lübecker Studenten, denn gerade die Kombination aus handfester Praxiserfahrung am Kunden durch die Berufsausbildung und fundiertem fachlichen Hintergrundwissen ist gefragt. Andere Absolventen zieht es zurück ins Handwerk, nämlich in die Leitung von Hörakustikbetrieben. Mit dem Bachelor-Abschluss Hörakustik kann die Eintragung in die Handwerksrolle erfolgen, ein Meister-Abschluss ist dann nicht erforderlich.
 
Ein weiteres Tätigkeitsfeld sind HNO-Kliniken und Zentren zur Versorgung mit Cochlea-Implantaten. Einige Absolventen/ innen arbeiten in Ingenieurbüros für Bau - und Raumakustik oder auch bei Herstellern von Studiotechnik. Ein weiteres Arbeitsfeld liegt in der Automobilindustrie, da die Akustik dort ein immer wichtigeres Qualitätsmerkmal wird. Ein zunehmender Teil der Absolventinnen und Absolventen schließt ein Masterstudium an. Fachlich passende Programme werden beispielsweise in Oldenburg, Berlin oder Kopenhagen angeboten.

Nicht zuletzt durch die fachliche Qualifikation als Hörgeräteakustiker mit abgeschlossener Berufsausbildung steht den Studenten der Hörakustik während des Studiums eine Reihe von anspruchsvollen Nebentätigkeiten offen: sei es an der Landesberufsschule, dem Deutschen Hörgeräte-Institut, dem Institut für Akustik oder im Studiengang selber. 
 

Autoren

Prof. Dr. rer. nat. Jürgen Tchorz
Fachhochschule Lübeck
Fachbereich Angewandte Naturwissenschaften
(korrespondierender Autor)
Mönkhofer Weg 239
23562 Lübeck
E-Mail: juergen.tchorz(at)fh-luebeck.de

Prof. Dr.-Ing. Markus Kallinger
Fachhochschule Lübeck
Fachbereich Angewandte Naturwissenschaften